John Scofield @ JALC und was wir von ihm lernen können

John Scofield @ JALC und was wir von ihm lernen können

Wenn man mich fragen würde, was New York als Stadt ausmacht, würden mir wohl sehr viele Dinge einfallen, die ich nennen könnte: Die unvergleichliche Energie, mit der dieser globale Melting Pot atmet, brummt und zischt. Die vielfältigen Stadtteile, die man immer wieder neu entdecken kann, vom historischen Clinton Hill zur brodelnden Lower East Side hin zu fast betriebsamer Entspannungssehnsucht der den Central Park besiedelnden Horden. Aus musikalischer Sicht ist aber wohl die größte Besonderheit die Menge an einzigartiger Musik, die man jeden Abend in zahlreichen Clubs und an ganz unterschiedlichen Orten geniessen kann. Wo kann man schon an einem Abend Bill Stewart, Dennis Chambers, Larry Grenadier, Jim Beard, Gary Grainger, John Scofield, Joe Lovano und viele andere Musiker mehr spielen hören? Eben. Only in New York. So bin ich am Wochenende zur Scofield Retrospektive in Wynton Marsalis' Jazz at Lincoln Center gegangen und war völlig begeistert. Die beiden ganz unterschiedlichen Bands haben Musik der Alben 'Quiet' und 'Blue Matter' auf eine Art und Weise gespielt, die beeindruckend war: Perfekte Intonation, fantastische Time, stimmiges Interplay. Aber vor allem haben sie einen unvergleichlichen Musiker strahlen lassen, der schon jetzt eine lebende Legende der Jazzgitarre ist. Was können wir von Sco lernen? Im ersten Stück des zweiten Sets kracht es ordentlich, aber nicht innerhalb der Band: Scofield's Amp macht ganz komische Geräusche. Er merkt es blitzschnell; er greift zum Kabel und tut das, was eben nur jemand tut, der mehrere Jahrzehnte lang Erfahrung mit Amps, Effekten und dem Nicht-Funktionieren der selben hat: Er nimmt das zum Amp führende Kabel und verbindet seine Gitarre direkt mit ihm. Sein komplettes Arsenal an Effekten benutzt er im Set kein einziges Mal, denn dort lag der Fehler. Was hätte ein jüngerer Musiker gemacht? Er hätte kniend versucht, den Grund des Fehlers zu finden, an Effektpedalen und Steckerverbindungen ruckelnd. So hätte er den Flow der Musik im ersten Stück zum erliegen gebracht. Nicht so Sco: Er hat das Set souverän zu Ende gespielt. Er klang übrigens auch ohne ein einziges Pedal so, wie man ihn kennt. Das ist die zweite schöne Wahrheit dieses denkwürdigen Abends: Der Sound kommt aus den Fingern. Drei Euro ins Phrasenschwein.