MUSICMax Frankl

Zwei Wochen in der Staubhölle von Brooklyn

MUSICMax Frankl
Zwei Wochen in der Staubhölle von Brooklyn

New York City, im August 2013. Es ist brütend heiss, über mir rotiert der Deckenlüfter, der neben ein wenig kühlerer Luft auch eine ganze Portion Staub auf mein Bett befördert. Das sind also die kleinen, aber leidvollen Fehler im Leben: Die Wohnung klang gut, direkt am Prospect Park, gross, mit Stereoanlage. Leider hatte ich nicht nachgefragt, wann sie zum letzten Mal geputzt wurde. Das war vor 20 Jahren. Der Staub rieselte nicht nur von der Decke, sondern fand sich auch zentimeterhoch auf der Jalousie der Küche. Hinter ihr der grosse Lüfter, der im Sommer nötig ist, um die Temperaturen irgendwie zu bewältigen. Im Bad gab es kurz vor meiner Ankunft einen Wasserschaden, nicht zu sprechen vom Zustand von Dusche und WC. Aus allen Leitungen kam fliessendes Wasser, das allerdings mit Rost versetzt war. So kam es auch, dass man überall braune Rostflecken sehen konnte, wo Wasser mit Armaturen in Kontakt kam. Das war also mein erstes richtiges New York-Erlebnis: Als Hausstaub-Allergiker in einer Staubhölle in Brooklyn. 

Nach zwei Wochen stelle ich unter der Dusche im Fitness-Studio fest, dass es so nicht weitergehen kann. Die Dusche in Park Slope Fitness kam mir vor wie ein Beauty-Tempel, sauber, hell und mit frischem Wasser. Ich brauche also ein Zimmer, irgendwo, Hauptsache es ist sauber und einigermassen bezahlbar. Nach erfolglosen Besichtigungen lande ich auf AirBnB. Dort finde ich ein Zimmer, das sympathisch aussieht. Der Vermieter lebt selbst in der Wohnung, ist Musiker und sehr freundlich. Ich ziehe ein. Er nimmt tagsüber und nachts Musik auf, schraubt stundenlang an Sounds, wiederholt kleinste Passagen, manchmal über ganze Tage. 

Was ich damals noch nicht weiss: Mein Mitbewohner Christian veröffentlicht unter seinem Pseudonym "Walrus Ghost" ein Album auf dem Berliner Elektronik-Label "Projekt Mooncircle" dessen CEO ich 2014 beim Deutschen Musikautorenpreis treffen werde und der in höchsten Tönen von der brillanten Musik aus Brooklyn schwärmen wird. Ich weiss zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht, dass Christian und ich 2018 ein Album veröffentlichen werden, das auf Hush Hush Records erscheint, einem Label aus Seattle. Washington. Der Grund, warum ich Musiker werden wollte war ein gewisser Kurt Cobain. Er hat mit seiner Band "Nirvana" Grunge erfunden und kam aus, genau: Seattle. 

Zurück ins Jahr 2013. Ich lebe also inzwischen an der Lafayette Avenue in Clinton Hill. Immer wieder nehme ich ein paar Gitarrenspuren für Christian auf, wir schrauben an Sounds und produzieren schliesslich zwei Tracks zusammen. Sie werden nie öffentlich auf einem Label erscheinen, aber sind der Grundstein für eine Zusammenarbeit, die wir über die nächsten Jahre fortführen (du kannst sie hier anhören). Eigentlich kann ich den Tonnen aus Staub dankbar sein, denn ohne sie hätte ich Christian Banks nie getroffen. Unsere Musik ist anders als alles, was ich bisher veröffentlicht habe. Jazzmusiker reden ja gerne von den vielfältigen Einflüssen, die ihre Musik prägen. Oft meinen sie damit, dass sie Jazz unterschiedlicher Ausprägung hören, gegenüber Genre-fremder Musik aber grosse Apathien entwickelt haben. Das ist hier anders. Aber darüber mehr im nächsten Blog-Post.