BLOGMax Frankl

Warum man ohne Skalen oft bessere Soli spielt

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Warum man ohne Skalen oft bessere Soli spielt

Irgendwie hat mich dieser Satz damals nicht mehr losgelassen...

„Pat Metheny benutzt besonders gerne Dreiklänge, um über Akkorde zu improvisieren“. Die Bedeutung dieser Aussage war mir leider etwas unklar. Mein damaliger Gitarrenlehrer konnte qua Fokus auf die klassische Gitarre und ohne Wissen über Jazzgitarre leider auch nichts Erhellendes zur Thematik beitragen. Diverse Jazztheorie-Bücher lasen sich für mich eher wie Abhandlung über abstrakte und konkrete Gravitationsforschung, so dass mein Wissendurst auch hier nicht gestillt werden konnte. Natürlich habe ich weiter Interviews in Gitarrenmagazinen gelesen, bis ich wieder auf einen solchen Satz stiess: „Kurt Rosenwinkel mag vor allem den Dreiklang der fünften Stufe, um über einen maj7-Akkord zu improvisieren.

Dreiklänge über andere Akkorde?

Nachdem ich einige Zeit über diese Aussage nachgedacht habe, wurde mir plötzlich klar, dass es hier nur um eine Art von Substitution gehen könne: Ein Dreiklang wird über einen Vierklang gespielt, sozusagen als Mini-Skala. Mir war nun ziemlich klar, dass im konkreten Beispiel ein G-Dur-Dreiklang als Tonmaterial für ein Solo über C maj7 verwendet wurde. Nur, warum? Hier hat mit mein erster Jazzgitarren-Lehrer Martin Scales weiterhelfen können. Er war der erste, der mir beigebracht hat, dass ich mir bei einem Akkord immer überlegen muss, welche Töne er enthält. Und in einem zweiten Schritt dann auch, welche Funktion die Töne der jeweiligen Tonleiter haben, die ich für ein Solo verwenden will.   

Mit diesem Wissen ausgestattet, habe ich mich also direkt an die Analyse gemacht: Ein G-Dur-Dreiklang enthält die Töne G, H und D. Auf Cmaj7 bezogen sind das die Quinte, die grosse Septime und die None. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Dreiklänge werden benutzt, um den Sound eines Akkordes zu erweitern. Denn die None ist ja im Akkordsymbol nicht enthalten, wir hören sie aber, sobald jemand einen solchen Dreiklang beziehungsweise den Ton D benutzt. Warum aber funktioniert dieses Konzept besonders gut mit Dur-Dreiklängen und warum liest man sehr weniger oft von Moll-Dreiklängen, die auf diese Art und Weise benutzt werden?

Warum funktionieren Dur-Dreiklänge als Tonmaterial für ein Solo?

Erklärungen dafür gibt es viele. Man kann es sich einfach machen und sagen, dass das Gesetz der Häufigkeit auschlaggebend ist: Dur-Dreiklänge werden einfach viel häufiger eingesetzt und legitimieren sich deshalb aufgrund der Statistik als besonders sinnvolles Mittel. Für mich war ein anderer Grund immer viel wesentlicher: Ein Dur-Dreiklang ist eine sehr starke Struktur. Das hat nicht zuletzt mit unserer Art der Musikkultur zu tun: Fast alle relevanten Kinderlieder verwenden die Dur-Dreiklänge der ersten, vierten und fünften Stufe. Natürlich finden wir im Kinderlied-Kanon auch Stücke in Moll; wenn alles Leser jetzt aber mal das erstbeste Kinderlied summen, wird das meist eine Akkordfolge in Dur sein. Bei mir war es übrigens „Alle Vögel sind schon da“: Natürlich in Dur.

Wenn wir uns anschauen, wie man lernen kann, über komplexe Akkordfolgen zu improvisieren, hat der geneigte Jazzgitarrist meist ein Problem: Nachdem alle relevanten Skalen über die Akkorde des Stückes erkannt wurden, ist es meist ein Ding der Unmöglichkeit, diese so anzuwenden, dass Musik entsteht und das Solo nicht klingt wie eine theoretische Abhandlung von Musiktheorie in relativ unmelodischer Form. Jetzt könnte man sagen, dass man einfach genug üben muss, bis man eben in der Lage ist, Melodien zu erfinden, die nach Musik klingen. Diese Aussage ist auch gar nicht verkehrt, jedoch haben Tonleitern den Nachteil, dass wir eben viel zu viele (meist sieben) Töne haben, die wir verwenden können. Dadurch sind wir oft verwirrt, in welche Richtung wir unser Solo lenken sollen. Hier bieten uns Dreiklänge den entscheidenden Vorteil: Es gibt nur drei Töne, die wir benutzen können. Endlich hat jemand für uns den Wald gelichtet und wir können uns nur drauf konzentrieren, wie der Ton, den wir gerade spielen, über unseren Akkord klingt.

Dreiklänge sind das Meersalz in der Suppe

Wir fassen also nochmal zusammen: Dreiklänge ergänzen den Akkord-Sound und ermöglichen uns durch die reduzierte Auswahl an Tönen, uns müheloser auf den Sound zu konzentrieren. Es kommt aber noch besser: Wenn wir nun Akkordverbindungen üben, ist immer ganz klar, zu welchem Ton wir bei einem Akkordwechsel springen können, denn: Durch die reduzierte Anzahl an Tönen sehen wir ganz einfach, wo der nächstgelegene Ton sich befindet.

Jetzt bist du dran

Schauen wir uns mal die beliebte II-V-I Verbindung in C-Dur an:

Dm7 | G7 | Cmaj7 | Cmaj7

Wir können wunderbar mit Dreiklängen über diese Akkorde improvisieren. Dm7 lässt sich perfekt mit einem C-Dur Dreiklang erweitern; seine Töne C, E, und G sind auf Dm7 bezogen die Septime, None und Undezime. Wir erhalten also einen Dm7 mit 9 und 11. Diese Erweiterung lässt den Dm7-Akkord sehr offen und kraftvoll klingen.

G7 kann man mit einem E-Dur Dreiklang perfekt erweitern. Die Töne E, Gis und H sind die grosse Sexte, die kleine None und die Terz. So bekommen wir also einen G7(b9/13), was einer der allerbesten Dominant-Sounds ist, die wir für eine Auflösung in einen Dur-Akkord der ersten Stufe benutzen können.

Schliesslich lässt sich Cmaj7 wie schon gezeigt perfekt mit einem G-Dur Dreiklang zu einem Cmaj9 erweitern.

Drei melodische Ideen über II-V-I

Jetzt kommt es nur noch drauf an, dass wir die drei verwendeten Dreiklänge in einem Bereich des Griffbretts lernen, wo wir sie mühelos verbinden können. Ich habe dir das im PDF zu diesem Blogartikel natürlich notiert. Wenn wir diese Dreiklänge also in einer Lage spielen können, lernen wir, wie man sie über unsere II-V-I Verbindung einsetzt. Dazu kannst du mein Play-Along benutzen, das dir diese Akkordfolge im gut spielbaren Tempo zum Üben vorspielt- ebenfalls als Download unter diesem Artikel. Ich spiele dir mal schnell drei melodische Ideen über diese Akkordfolge vor, die ausschliesslich die Töne der vorgestellten Dreiklänge verwenden.

 
 Mit Dreiklängen über Akkorde improvisieren Beispiel 1

Mit Dreiklängen über Akkorde improvisieren Beispiel 1

 
 
 Mit Dreiklängen über Akkorde improvisieren Beispiel 2

Mit Dreiklängen über Akkorde improvisieren Beispiel 2

 
 
 Mit Dreiklängen über Akkorde improvisieren Beispiel 3

Mit Dreiklängen über Akkorde improvisieren Beispiel 3

 

Natürlich ist es wichtig, dass du eigene Ideen erfindest, aber mir hat damals auch geholfen, Ideen anderer Gitarristen zu üben und in mein Spiel einzubauen. Fühl dich also frei, diese „Licks“ in deinem nächsten Solo zu verwende! Ich habe sie ebenfalls im PDF zum Artikel mit Fingersätzen, TABS und in Notenschrift notiert. Viel Spass damit!